20 Jahre ohne Ulrich Kiesow

Als sich Golgari heute vor 20 Jahre anschickte, eine weitere Seele über das Nirgendmeer zu tragen, ahnte der arme Seelenvogel vermutlich nicht, welches Schwergewicht er dort zu Boron tragen sollte. Kein Geringerer als der Herr Aventuriens, der Kopf hinter dem Schwarzen Auge, war es, den wir am 30. Januar 1997 verloren. Wenn man so will, starb damit der erste echte "Alrik".

Der Mann

20 Jahre sind eine lange Zeit. Mein halbes Leben habe ich nun schon ohne neue Geschichten und Abenteuer von Ulrich Kiesow verbracht. Und doch verbinde ich noch heute DSA mit seinen Werken. Er war es, der in seiner Freizeit an einem eigenen, neuen Regelsystem arbeitete. Er gründete zusammen mit Werner Fuchs und Hans Joachim Alpers die Firma Fantasy Productions. Als Schmidt Spiele eine eigene Konkurrenz zu Dungeons & Dragons auf den Markt werfen wollte, bot er sein "Aventuria" an, und schuf damit Das Schwarze Auge. Er zeichnete, zusammen mit Werner Fuchs, auf dessen Wohnzimmertisch den uns heute so wohlbekannten Umriss des aventurischen Kontinents (wie wir heute wissen, die Ostküste). Die englische Ausprache seines Vornamens war (so vermutet man) Vorlage für den aventurischen Allerweltsnamen Alrik. Er war Chef-Redakteur der DSA-Redaktion, schrieb zahlreiche Abenteuer und Romane. Heute vor 20 Jahren starb Ulrich Kiesow an den Folgen eines Herzinfarkts.

Der Anfang

Wie tausende andere startete mein Abenteurerleben mit der Befreiung einer gewissen Silvana. Mein Kumpel Jan hatte 1988 von seinem coolen Onkel dieses seltsame Spiel geschenkt bekommen. "Die Helden des Schwarzen Auges" stand auf der Box, und noch heute sehe ich die vier Abenteurer auf dem Titelbild auf mich zustapfen. Auch wenn sie in meinem Kopf alle Flügelhelm und Schnurrbart tragen. Würfeln um gegen die arme Orkfamilie zu kämpfen, ein Piratenversteck, Geheimtüren, die sich erst öffnen, wenn man ein Auge zudrückt, Eine Offenbarung! Dass mein armer Held damals mit dem in Albernia eher unüblichen Namen "Gandalf" geschlagen war, möge man meinem zwölfjährigen Ich bitte verzeihen.

Die Abenteuer

Danach ließ uns der Name "Ulrich Kiesow" nicht mehr los. Bei uns musste der arme Streuner sterben, weil wir leider die entlastenden Beweise nicht rechtzeitig fanden. So ziemlich jeder in unserer Spielgruppe war irgendwann mal mit Prinzessin Nedime verheiratet. Wir stießen bei der Kartierung des Orklands auf den legendären Orkenhort (wobei ein Held im Spinnenwald zu Boron ging). Wir schlichen beim Turnier von Gareth durch die Alte Residenz, um der answinistischen Verschwörung auf die Spur zu kommen. Wir befreiten Alvide Rastburger vom Fluch des Mantikors. Wir begegneten echten Göttern in Grangor und falschen in Kurkum. Dank druckfester Aale und größenwahnsinniger Tukans sind wir nicht in Al'Anfa verschollen. Wir kämpften gegen Ogerlöffel und Borbaradianer, und staunten im isometrischen Schloß Ilmenstein über Kaiser Hals Badezimmer. Viele der schönsten Momente unseres frühen Abenteurer- und Meister-Lebens verdanken wir den Abenteuern Ulrich Kiesows.

Das Pseudonym

Es war im Jahr des Mauerfalls, 1989, als ich in meinem Stamm-Rollenspielladen im für einen 13-jährigen unendlich entfernten Essen (dem guten alten Stammhaus der späteren Spiel&Fantasy-Kette) die erste Ausgabe des WunderWelten-Magazins in Händen hielt, der Haus-Postille der inoffiziellen DSA-Mutterfirma Fantasy Productions. Mit der Zeit fiel mir beim Lesen auf, dass es einen Autoren gab, über dessen Texte ich mich immer köstlich amüsierte: Andreas Blumenkamp. Ab Ausgabe 3 wurde es Tradition, sich in jeder Ausgabe auf eine weitere Kolumne dieses scharfzüngigen, wortgewandten Autors zu freuen. Auch die Leserschaft schien - wenn man den Leserbriefen glauben kann - seine humoristischen, aber tiefgründigen Auslassungen sehr zu schätzen. Rollenspieler und Meister, Regelfanatiker, Sexisten, Fernseh-Redakteure und Spiele-Jurys, Pfarrer und Pädagogen, LARP-Spieler - sie alle bekamen ihr Fett weg.

Hinter dem oft treffsicheren, manchmal platten Humor erkannte man aber stets einen offensichtlichen Herzblut-Rollenspieler, der sowohl von seinem eigenen Spielrunden berichten konnte, aber auch ein inniger Kenner der Szene war. Oft fragte ich mir nach dem Lesen eines Blumenkampschen Artikels, wer wohl dieser Typ hinter den Artikeln, die ich oft begeistert und mit Lachtränen in den Augen meiner eigenen Runde vorlas, sein mag. Erst sehr viel später erfuhr ich, dass der Name ein Pseudonym war. Der echte Autor: Ulrich Kiesow. Als ich dies erfuhr, war Kiesow schon lange tot.

Der Mensch

Gerne würde ich nun schreiben, dass ich "Ulli" selbst einmal gesprochen habe, oder gar mit ihm ein Abeneuer gespielt hätte. Leider war dem nicht so. Ich kann lediglich berichten, dass ich es einmal - irgendwann im Winter 1989/90 mochte es gewesen sein - geschafft hatte, meine Mutter dazu zu bewegen, mich auf eine Reise ins ferne Düsseldorf zu begleiten. Denn dort, so hatte ich in der WunderWelten gelesen, gab es einen großen Rollenspiel-Laden, der anscheinend ein tolles Sortiment hatte.

So fuhren wir also mit der Bahn von Hattingen nach Düsseldorf, und ich ging mit Staunen durch jenen Laden, der alleine dadurch schon etwas Besonderes war, dass an den Wänden in Bilderrahmen die Originale der von Ina Kramer gemalten Aventurien-Regionalkarten hingen. Ich wäre sicherlich noch sehr viel beeindruckter gewesen, hätte ich gewusst, dass dieser Rollenspiel-Laden der erste derartige Laden in Deutschland war, und unter anderem von Werner Fuchs, dem Mit-Begründer des Schwarzen Auges und langjährigem Chef von Fantasy Productions gegründet worden war. Im Laden saßen ein paar ältere Männer an einem Spieltisch und diskutierten über Das Schwarze Auge, und noch heute frage ich mich, ob wohl einer von ihnen Ulrich Kiesow oder Werner Fuchs gewesen sein mag. Ich werde es nie erfahren. So blieb mir jene Reise nur deshalb so gut in Erinnerung, weil wir stundenlang in Wuppertal auf dem Bahnsteig eingeschneit wurden...

Die einzige wirklich Begegnung mit Ulrich Kiesow hatte ich auf den Essener Spieletagen. 1990 wird es wohl gewesen sein. Ich hatte das Glück, über einen Nachbarn, der als Messebauer in der Gruga arbeitete, an Freikarten für die Spielemesse zu kommen, und so fuhr ich donnerstags - es waren Herbstferien - zur Messe nach Essen. Und war begeistert über die eigene kleine Rollenspiel-Halle, die man über Rolltreppen erreichen konnte und in die sich kaum ein "normaler" Messebesucher verirrte. Ich stöberte staunend durch die große Auswahl, und entdeckte an einem Stand (war es der von Fantasy Productions? Schmidt Spiele? Fantastic Shop?) einen Stapel mit der alten DSA-Basisbox, sowie des Ausbau-Spiels mit angestossenen Ecken für 2 Mark pro Stück.

Begeistert fuhr ich nach Hause und berichtete meinen Mitspielern von meinen Funden. Prompt waren alle Feuer und Flamme, am Wochenende ebenfalls mit nach Essen zu fahren, um auch so tolle Schnäppchen zu finden. Was soll ich sagen? Natürlich waren alle interessanten Restposten bereits ausverkauft. Aber ein Misserfolg war die Reise dennoch nicht, denn während ich noch leicht enttäuscht durch die vorhandenen DSA-Publikationen blätterte, hörte ich, wie ein Mitarbeiter des Standes einen anderen fragte: "Ulli, wann kommt nochmal ...(Publikation XY)... heraus?" Und in dem Moment wurde mir schlagartig klar: Dort, keine drei Meter neben mir, dieser hünenhafte, vollbärtige Mann, war offensichtlich DER Ulli, der Großmeister, der Kopf hinter meinem schönsten Hobby! Er ist ein Mensch, er atmet die selbe Luft wie ich, er ist hier!

Freudestrahlend rannte ich zu meinen Freunden, und berichtete von meiner unglaublichen Entdeckung, und sofort begannen alle ungläubig zu schauen und unverhohlen mit dem blanken Finger in die Richtung jener Lichtgestalt zu weisen. Aber noch schlimmer: Auf einmal fiel der schreckliche Satz "Lasst uns ein Autogramm holen!". Fast wäre ich vor Scham im Boden versunken, und bereute meine Plapperhaftigkeit zutiefst. Ulrich Kiesow um ein Autogramm bitten? Wie peinlich! Der Mann hatet doch Wichtigeres zu tun! Neue Abenteuer-Plots und machtvolle Meisterpersonen ersinnen, Publikationen veröffentlichen, atmen! Aber meine Gefährten meinten es wirklich ernst, und gingen, mit einem zerknitterten Stück Papier und Stift bewaffnet, auf Ulrich Kiesow zu. Ich verzog mich schleunigst, aus Angst, mit diesem Pöbel assoziiert werden zu können, und beobachtete aus der Ferne, wie Kiesow sich über die Anfrage herzlich freute, den zerknüllten Zettel beiseite schob und stattdessen jedem einen druckfrischen Aventurischen Boten in die Hand drückte, den er eigenhändig signierte.

Zukünftige Generationen mögen beurteilen, ob es nobel und edel war, mich nicht als pubertierender Groupie und Autogrammjäger gemein zu machen, oder ob ich ein Depp bin, weil ich keinen von Ulrich Kiesow signierten Boten besitze...

Der Autor

Der erste DSA-Roman überhaupt (wenn man vom nicht-kanonischen Das eherne Schwert absieht) war Kiesows Die Gabe der Amazonen aus dem Jahr 1987. Inhaltlich ein nettes Reise-und-Dungeon-Abenteuer, bereitete es doch den Weg für all die Romane und Abenteuer, die darauf folgten, indem es den Hintergrund der aventurischen Welt (hier: der Amazonen und ihrer ikonischen Königin Yppolita) im Detail und höchst lebendig beschrieb. Der eingängliche Schreibstil hielt mich sofort gefangen, und als das Buch nach zwei Tagen verschlungen war, musste ich lange Jahre warten, bis mit Mond über Phexcaer endlich das nächste DSA-Buch erschien, diesmal mit der Kurzgeschichte Der Göttergleiche. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich mich noch gut an diese Kurzgeschichte oder an den ersten regulären DSA-Roman Der Scharlatan erinnern würde. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich sie nach 22 Jahren noch einmal lese.

In jedem Fall erinnern kann ich mich an Kiesows letzten, größten, ambitioniertesten, epischten Roman, der vermutlich für alle Zeiten das Maß aller Dinge für angehende DSA-Autoren darstellen dürfte. Das zerbrochene Rad. Kiesows Werk war  ein von Anfang bis Ende packender Bericht des bornländischen Teils der Borbarad-Krise. Mit fast 1000 Seiten war es eine literarische Tour de Force des gelernten Pädagogen, insbesondere nach seinem schweren Herzinfarkt anderthalb Jahre zuvor. Besonders tragisch ist dann noch, dass aufgrund eines Computerfehlers das letzte Fünftel des Romans verloren ging, und Kiesow es mit letzter Kraft neu schreiben musste. Zwei Tage später war er tot.

Seht das Rad - Es ist zerbrochen vor der Zeit!

Das zerbrochene Rad, Symbol des Totengottes Boron, ist ein schmerzlich passendes Bild für das epische Finale dieses großartigen Lebens. Auch wenn Ulrich Kiesow viel zu jung von der Erde und von Dere abgetreten ist, hat er ein ehrfurchtgebietendes Vermächtnis hinterlassen. Bis vor wenigen Jahren waren fast alle DSA-Publikation "Ulrich Kiesow gewidmet - dem geistigen Vater der Spielwelt Aventurien". Ich denke, für einen Sozialpädagogen, einen Übersetzer, einen Redakteuer, Rollenspieler, einen Nerd, ist dies, 20 Jahre nach seinem Tod, keine geringe Auszeichnung. Ich danke Dir, lieber Ulli, für all die schönen gemeinsamen Stunden in Deiner Welt. Wir, und viele andere mit uns, werden Deinen Kontinent noch lange mit Leben füllen!

Kommentare

  1. Herzlichen Dank für dieses liebevolle Memorandum. Auch für mich ist Ulrich Kiesow der über allen anderen Zwölfen thronende Schöpfergott Aventuriens, durch dessen Abenteuer ich mich gerne railroaden lasse. Habe 1988 unwissentlich die "Werkzeuge des Meisters"-Box aus seinen Händen in Empfang genommen: Der "hünenhafte, vollbärtige Mann" hatte auf der Spielemesse DSA-Quizfragen gestellt und den damaligen Ladenhüter dutzendfach unters angehende Nerd-Volk gebracht - hatte mir natürlich auch kein Autogramm geholt. Erst Jahrzehnte später kam ich in den Besitz einer von ihm signierten Erstausgabe der "Gabe der Amazonen". Unabhängig vom Kaufwert mein kostbarstes DSA-Sammlerstück.
    REQUIESCATE IN PACE

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  2. Ein schöne Sammlung von Erinnerungen, danke dafür.

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  3. Eine warmherzige Ehrerbietung, der ich mich gerne anschließe.

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